#39 Generation Online: Warum Social Media Bildung brauchen
Shownotes
Der Aktionsrat Bildung fordert im neuen Gutachten mehr mediale Integrität. Was sich hinter diesem Begriff verbirgt, bespricht Katharina Muth mit Prof. Dr. Tina Seidel. Zudem stellen zwei Lehrkräfte eigene Praxisprojekte vor.
Das vollständige Gutachten des Aktionsrats Bildung finden Sie unter vbw-aktionsrat-bildung.de
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Kapitel & Highlights:
00:00 Intro & Digitaler Alltag
01:21 Herausforderung Mediale Integrität
02:13 Das Gutachten des Aktionsrats
03:32 Belastung bei Grundschülern
04:12 Medienbildung in der Praxis
05:21 Elternrolle & Kontrollverlust
06:10 Intergenerationales Lernen
06:46 Peer-Projekt „Netzgänger“
08:25 Reflexion statt Verbote
09:11 Selbstregulation & Wissen
10:48 Kernforderungen des Gutachtens
11:12 Regulierung & Lehrerbildung
12:41 Zukunft der Social-Plattformen
13:55 Outro & Link zum Gutachten
Transkript anzeigen
00:00:00: ,222 [Intro]
00:00:08: ,000 [Katharina Muth] dynamische Musik] Kurze Frage zu Beginn: Wie häufig haben Sie heute schon Ihr Handy angetippt? Nur ganz kurz gucken, wie spät's ist oder mal ganz kurz gucken, ob noch 'ne Mail reinkam. Das sind offizielle Gründe. Und aus kurz mal nach der Uhrzeit gucken und nur mal kurz gucken, was bei Instagram, LinkedIn und Co. Los ist, werden Minuten, Stunden und danach fragen wir uns meist: Äh, was genau wollten wir eigentlich noch mal? Und wenn uns Erwachsenen das schon so geht, was bedeutet das dann eigentlich für Kinder und Jugendliche, die genau mit diesen Mechanismen aufwachsen, die sich genauso wie wir Erwachsene verlieren, wenn nicht sogar noch mehr. Denn für sie ist das Smartphone und damit verbunden auch Social Media kein Zusatz mehr. Es ist der Ort, an dem sie sich informieren, vernetzen, orientieren und das eben oft völlig losgelöst vom Elternhaus. Und genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung, denn es geht längst nicht mehr nur um die Nutzung an sich, sondern um Werte. Wie gehen wir miteinander um? Was halten wir für richtig und was prägt unser Verhalten online wie offline? Aus unternehmerischer Perspektive ist klar: Ohne Vertrauen, Respekt und Verlässlichkeit funktioniert keine Zusammenarbeit und auch kein langfristig erfolgreiches Wirtschaften. Wenn diese Grundlagen im digitalen Raum verloren gehen, hat das Konsequenzen für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie und eben auch für unsere Wirtschaft. Die Frage ist also nicht mehr, ob junge Menschen Social Media nutzen, sondern wie sie es tun. Und damit hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Zukunft Made in Bavaria, dem Podcast der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Mein Name ist Katharina Muth und wir widmen uns heute, wie auch schon in den vorherigen Jahren, dem diesjährigen Gutachten des Aktionsrats Bildung mit einem klaren Thema und Ziel: Mediale Integrität.
00:02:13: ,120 [Prof. Dr. Tina Seidel] Wir haben es in diesem Jahr jetzt ausgewählt, weil wir einerseits die Situation haben, dass sich die Nutzungsdauer bei Kinder und Jugendlichen immer stärker erhöht Jahr für Jahr und sich gleichzeitig in immer jüngere Altersgruppen verschiebt. Und zweitens war es eben wichtig, dass wir im Aktionsrat evidenzbasiert argumentieren wollen und lange Zeit der Forschungsstand hierzu noch nicht robust genug war, um solide Aussagen zu treffen. Und der ist mittlerweile so weit ausgeprägt, dass wir auf 'ner guten Basis entsprechend argumentieren können und Handlungsempfehlungen ableiten können.
00:02:50: ,180 [Katharina Muth] Das ist Professor Dr. Tina Seidel. Sie ist Psychologin an der TU München. Sie forscht unter anderem zu digitalen Bildungstechnologien und hat mit Kolleginnen und Kollegen das diesjährige Gutachten des Aktionsrats Bildung erstellt. Zu den Handlungsempfehlungen kommen wir gleich, doch vorher möchten wir in dieser Folge verstehen: Was passiert hier eigentlich gerade? Durch welche Ideen können Kinder in der Schule bei dem Thema Social Media Nutzung an die Hand genommen werden, aber ohne erhobenen Zeigefinger? Warum bringen uns Verbote nicht weiter? Was ist eigentlich die Rolle der Eltern? Und wie geht es Kindern, die schon im Grundschulalter mehrere Stunden täglich online sind?
00:03:32: ,380 [Ute Kühn1] Also wir haben wirklich Kinder, wo wir merken, die nachmittags sehr viel mit den Medien machen und auch teilweise ungelenkt von den Eltern oder ungehemmt, dass diese Kinder emotional belastet sind. Das fällt uns verstärkt auf. An einer inneren Unruhe, an Aggressivität, an wirklich Verhaltensauffälligkeiten, jetzt nicht hin zu krankhaften. Die krankhaften, das ist 'ne andere Seite, aber wirklich Angespanntheit und auch aus Erzählungen. Und Kinder erzählen an Zeichnungen, die Zeichnungen, also wir haben jetzt in letzter Zeit gerade auch wieder ein oder das andere Kind, das ganz, ähm, ja, düstere Zeichnungen, horrormäßige Zeichnungen, das fällt uns auf.
00:04:12: ,539 [Katharina Muth] Ute Kühn ist Leiterin der Grundschule in Friedrichsdorf Köppern im hessischen Hochtaunuskreis und engagiert sich seit Langem für die Medienbildung ihrer Schülerinnen und Schüler. Das Ziel: Kinder zu einer aktiven Teilhabe an der digitalen Welt zu befähigen und sie zugleich nachhaltig für deren Gefahren zu sensibilisieren. Zum Beispiel mithilfe der Internet ABC Schule. Das ist ein Onlineangebot, mit dem Kinder in mehreren Modulen Schritt für Schritt lernen, wie das Internet funktioniert. Was ist ein Browser, Server et cetera? Wie funktionieren soziale Medien? Was sind Posts, Mails, Onlinespiele? Bis hin zu: Was sind die Gefahren? Cybergrooming, Cybermobbing, Betrug im Internet. Die Kinder werden spielerisch herangeführt, machen Quizze und einen richtigen Schein. Und darüber hinaus finden dann an der Grundschule Köppern außerdem jährlich digitale Familientalks statt. Im Rahmen themenspezifischer Online-Informationsabende haben Eltern der ersten bis vierten Klassen die Möglichkeit, mit Expertinnen und Experten zu medienpädagogischen Fragestellungen ins Gespräch zu kommen.
00:05:21: ,300 [Ute Kühn] Was uns halt oder mir ganz speziell auffällt, ist es, dass es immer dann die Eltern drin sind, wo es sowieso gut läuft. Das ist, das ist auch an dem Elternabend insgesamt, aber gerade jetzt auch beim Digitalen. Das sind dann so, ähm, überbehütete Eltern, die so: "Ah, wie kann ich's noch", so wie ich selbst bin ich mit meinen Kindern auch, weil wie kann ich's noch ein bisschen besser machen? Und dass es leider immer mehr gibt, die so einfach lost sind. Die--
00:05:47: ,340 [Ute Kühn] Wo es dann heißt: "Ja komm, zweite Klasse bekommst du dein Handy und dann geh ins Zimmer und dann machst du dann." Und keiner guckt und können, haben keine Einstellungen am Handy und haben keine Kontrolle, was die Kinder wirklich machen. Und das, das find ich so traurig.
00:06:02: ,384 [Katharina Muth] Was viele vielleicht nicht ganz auf dem Schirm haben: Dabei können auch Eltern von ihren Kindern profitieren, so Professor Dr. Seidel.
00:06:10: ,584 [Prof. Dr. Tina Seidel] Wir haben auch immer wieder darauf hingewiesen, dass es, glaube ich, ein guter Anlass ist auch für intergenerationales Lernen, dass Kinder, Jugendliche den Erwachsenen zeigen können, viel schneller zeigen können, wie diese Netzwerke operieren und gleichzeitig aber vielleicht andere Generationen schon bestimmte Werte in sich fest verankert haben und dann entsprechend das auch wiederum an die jüngere Generation weitergeben können. Also sozusagen in dieser Zusammenarbeit von Lehrkräften, Schulen, Klassenzimmern, den Schülern mit den Eltern, da einfach sehr starken Fokus, ähm, mitzugeben.
00:06:46: ,364 [Katharina Muth] Wenn aber Eltern nicht immer erreicht werden, wer kann diese Rolle dann zumindest in Teilen übernehmen? Im Johann-Michael-Fischer-Gymnasium Burg Lengenfeld, als digitale Schule der Zukunft ausgezeichnet, werden bereits Kinder der fünften Klasse im Rahmen des Präventionsprojekts Netzgänger durch eigens geschulte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus den elften Jahrgangsstufen an eine sachkundige und verantwortungsvolle Mediennutzung herangeführt. Die großen Schüler bringen nach einer kurzen Art Ausbildung den kleineren Schülern etwas bei. Eine verantwortungsvolle Aufgabe mit einem großen Effekt, so Oberstudienrat Michael Schmid, der die Projekte rund die Medienerziehung am Johann-Michael-Fischer-Gymnasium betreut.
00:07:32: ,264 [Michael Schmid] Man sieht, wie die Großen tatsächlich einfach auch bei der Ausbildung und dadurch, dass sie sich mit den Jüngeren auseinandersetzen, einfach mega stark weiterentwickeln. Also die durchlaufen selbst einen starken Entwicklungsprozess während dieses Jahres, reflektieren auch im Nachgang dann ihre eigene Mediennutzung. Und also ich würd sagen, es ist für beide Seiten echt so 'n bisschen Win-win. Weil dadurch, dass sie als Vorbilder auftreten, sind sie schon auch eher geneigt, dann mal zu sagen: "Ja, hm, vielleicht sollte ich dann doch selbst auch mal dieses oder jenes ein bisschen zurückhaltender angehen oder auch hinterfragen."
00:08:08: ,844 [Katharina Muth] Win-win für alle Altersgruppen. Wir können Social Media nicht einfach wegnehmen. Verbote bringen nichts, denn Kinder finden ihren Weg, meint Michael Schmidt. Aber wir können Kinder ja auch nicht unvorbereitet in die digitale Welt entlassen. Und genau das passiert gerade.
00:08:25: ,624 [Michael Schmid] So diese Denkprozesse anstoßen, ist das Einzige, glaube ich, was wir tun können. Und diese Welt ist mega vielschichtig und wir müssen die Schüler eigentlich dahin bringen, dass sie selbst Gefahren erkennen langfristig und selbst sich schlau machen und dann selbst feststellen, okay, hm, irgendwie will mir jeder nur was verkaufen. Ob das in Social Media ist, ob das in Spielen ist oder, oder, oder. Und wenn wir dahin kommen, dass die Schüler für sich anfangen zu denken und Sachen zu hinterfragen, dann glaube ich, sind wir auf 'nem guten Weg.
00:08:59: ,524 [Katharina Muth] Da sind wir wieder bei der medialen Integrität. Wie reflektiert gehen Kinder und Jugendliche an die Nutzung heran und wie handeln sie? Was braucht es, Professor Dr. Seidel?
00:09:11: ,544 [Prof. Dr. Tina Seidel] Ja, es braucht einerseits sehr hohe Selbstregulationskompetenzen. Also ich muss sozusagen entsprechend mich selbst als Mensch in diesen sozialen Netzwerken auch gut wahrnehmen können. Ich muss wissen, wie das sozusagen gerade zum Beispiel auf mich selbst wirkt. Merke ich gerade, dass meine Konzentrationsfähigkeit nachlässt, dass ich impulsiv reagiere, weil eine hohe Dynamik in dem Austausch irgendwie stattfindet. Äh, was bedeuten meine Handlungen in einem digitalen Raum für andere, äh, die sozusagen, sozusagen, die mir vielleicht nicht physisch gegenüberstehen, sondern sozusagen diese Perspektivenübernahmen mit vornehmen zu können. Das sind so Aspekte in der Selbstregulationskompetenz, sich selbst gegenüber, anderen gegenüber. Und dann brauche ich natürlich auch entsprechend Wissen über diese Plattformen. Was sind deren Geschäftsmodelle? Wie funktionieren die eigentlich? Welche Verstärkungsmechanismen sind hier eigentlich sehr bewusst integriert, die mich dazu auffordern, möglichst lange und möglichst intensiv in diesen Netzwerken zu verharren? Und dieses Wissen darum, das ist 'ne Medienkompetenz, die ist wichtig. Und das sind jetzt so zwei Beispiele, die dann zusammenkommen müssen mit: Was ist denn auch ein Wertekompass? Also was ist mir meine eigene Gesundheit wert, meine Aufmerksamkeit wert? Was sind mir die sozialen Beziehungen zu anderen wert? Und diese Werte sich klarzumachen und sie auch sozusagen in dem Handeln in sozialen Netzwerken zu leben, das ist das, was dann, was man sich konkret eigentlich wünschen würde und was eigentlich nicht nur für Jugendliche wir fordern, sondern für uns alle über die ganze Lebensspanne hinweg.
00:10:48: ,784 [Katharina Muth] Der Aktionsrat Bildung sagt im Gutachten im Kern drei Dinge: Erstens, Kinder müssen besser vorbereitet werden. Genau das sehen wir in Schulen wie Köppern oder auch Burg Lengenfeld. Zweitens, Eltern müssen stärker eingebunden werden. Und drittens, es braucht klare Regeln für Plattformen und für den Schutz von Kindern, so Professor Dr. Seidel.
00:11:12: ,844 [Prof. Dr. Tina Seidel] Wir brauchen klarere Regelungen und einen Schutz der Kinder und der Jugendlichen. Und auf der anderen Seite, wenn wir jetzt ins Bildungssystem gehen, sagen wir, das gibt eben entsprechend die Wichtigkeit, diese Selbstregulationskompetenzen zu vermitteln, die Medienkompetenzen zu vermitteln und dann eben auch sozusagen diese Adoption, also die positiven Beispiele, auch didaktisch in den Unterricht mit zu integrieren und entsprechend aufzubauen. Wir fordern im Gutachten auch beispielsweise, dass wir die Plattformen, äh, für Lehrkräfte, weil das hat ja auch viel mit 'ner Lehrerprofessionalisierung zu tun, dass die Bundesländer den Lehrkräften, den Schulen auf den Plattformen mehr Unterrichtseinheiten zu den Themen mit zur Verfügung stellen. Da haben wir auch ein paar Beispiele im Gutachten dazu, wo sich Lehrkräfte in verschiedenen Altersstufen dann eben sagen: "Okay, hier ist irgendwie 'ne Einheit, die kann ich mit meinen Schülerinnen und Schülern mit bearbeiten. Da lern ich selbst auch dazu über dieses Thema. Dann kann ich das entsprechend auch solide mit irgendwie umsetzen."
00:12:19: ,884 [Katharina Muth] Außerdem braucht es laut Aktionsrat Bildung eine gesetzliche Altersbegrenzung, da diese die Grundlage für ein medienpädagogisch wirksames Handeln in einem geschützten Rahmen ist. Am Ende geht es also immer um drei Dinge: Verstehen, begleiten und klare Grenzen setzen. Dann brauchen wir auch die Zukunft nicht schwarzmalen, so Professor Seidel.
00:12:41: ,503 [Prof. Dr. Tina Seidel] Also meine Vermutung wäre, dass wir einen reflektierteren Umgang mit Social Media in allen Lebensphasen etablieren werden. Vielleicht kann man es auch so sehen, dass wir jetzt die ersten Dekaden in einer sehr wilden Nutzung hatten, aber ich glaube, wir sind an dem Punkt, in dem uns sehr viel deutlicher vor Augen geführt wird, welche negativen Effekte das haben kann. Also ich vermute, dass wir stärkere Regulierungen haben werden, einen sehr viel reflektierteren, kritischeren Umgang vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle. Und das wird den aktuellen Geschäftsmodellen der Plattformen widersprechen. Insofern wird es interessant, ob und in welcher Weise es diese Plattformen dann in zehn Jahren noch geben wird.
00:13:28: ,463 [Katharina Muth] Und wie wir dann in Zukunft mit allem, was kommt, umgehen werden. Klar ist, mediale Integrität ist kein Nice to have, sondern eine Voraussetzung für Bildung, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und auch für wirtschaftlichen Erfolg. Denn auch im Unternehmen leben wir von Vertrauen, Verantwortung und verlässlichem Miteinander. Und genau das beginnt heute.
00:13:55: ,503 [Katharina Muth] Den Link zum spannenden Gutachten des Aktionsrats Bildung finden Sie in den Show Notes und damit sage ich danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge.
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